Llop
Erste Begegnung:
Anfang 1997, in der großen Finca Ca`n Casas, die auf einem Hügel in Bunyola/Mallorca liegt, begann meine große Liebe zu diesem Hund und damit auch zur Rasse Ca de Bestiar.
Meine Freundin, die mit ihrer Familie nach Mallorca auswandern wollte, hatte diese Finca als neue Bleibe ausgesucht und ich war als neugierige Umzugshilfe mit von der Partie.
Uns wurde gleich bei der Ankunft gesagt, wir sollen das hinter dem Haus befindliche Patio ausschließlich über die Wohnräume im EG betreten und nicht direkt durch das Gartentor auf das Grundstück kommen. Dem Grund dieser Warnung standen wir wenig später gegenüber. Einem großen schwarzen Hund der uns in „seinem“ Reich äußerst freundlich empfing und uns 4, für ihn komplett fremde Menschen, dann bei der Besichtigung des riesigen Gartens und des Hauses auf Schritt und Tritt verfolgte.
Später, als wir das Grundstück doch über das Gartentor hinter dem Haus zu betreten versuchten, wussten wir was es mit der Warnung auf sich hatte. Da stand der vorher so freundliche und gelassene Hund grollend und zähnefletschend am Zaun und dachte nicht daran uns rein zu lassen.
Dass der Hund, zwischen den Leuten die durch das Haus kamen (also von seiner Familie empfangen worden sein mussten) und denen, die von außen direkt das Grundstück betreten wollten, so einen Unterschied machte, beeindruckte mich nachhaltig.
Llop konnte von den vorherigen Besitzern der Finca nicht mitgenommen werden und meine Freundin hatte wegen ihrer 3 eigenen Hunde ebenfalls keinen Platz für ihn. So kam er mit seinen 2 ¼ Jahren zu mir. Viele Menschen aus dem Dorf beglückwünschten mich zu meiner Entscheidung diesen wunderschönen (que guapo!) „Ca de Bestiar“ oder „Pastor Mallorquin“ zu mir zu nehmen, wobei ich mir zu diesem Zeitpunkt unter diesen Begriffen gar nichts vorstellen konnte.
Die Bewunderung und Faszination für diese sehr eigenständige und eigenwillige Hundepersönlichkeit begleitete mich über die fast 9 Jahre mit ihm und ist immer noch da, wenn ich an ihn denke.
Äußerlichkeiten:
Herkunft:
Geboren am 16.11.1994 in der Nähe von Marratxi auf einer Finca mit großem Grundstück, vielen freilaufenden Hunden, Hühnern und Schafen.
Beide Elterntiere lebten auf dieser Finca, wo er seine ersten Wochen verbrachte. Der Bruder der Fincabesitzerin nahm Llop dann mit ca. 3 Monaten zu sich. Da ich das Glück hatte, diesen Bruder, den Ex-Besitzer von Llop, bei jedem meiner regelmäßigen Mallorca Aufenthalte zu treffen, konnte ich einiges über seine Vergangenheit erfahren und besuchte schließlich, mit Llop zusammen seine Geburtsfinca und seine Eltern. Seine Mutter war eine eher gedrungene - kräftige und untypischer weise absolut unerschrockene, sehr offene, charmante Ca de Bestiar-Hündin namens Duchessa, sein Papa ein sehr großer, mürrisch wirkender CdB Rüde namens Leon, der hauptberuflich als Kettenhund arbeitete. Llop stammte also nicht aus einer offiziellen Zucht.
Schulterhöhe: 73 cm
Gewicht : 52-54 kg
Allgemeines Erscheinungsbild:
Sehr großer Kopf, langer, kräftiger Hals, Brustbereich sehr breit und muskulös, schlankere und etwas höhere Hinterpartie mit einer eher „doggenartigen“ Rute. Aufrechter, eleganter Gang, gute Körperspannung, imposante Erscheinung.
Fell:
Komplett schwarz ohne jegliches weiß, am ganzen Körper kurze Haare, Rückenfell leicht länger und „welliger“ als der Rest.
Was ich für einen schwarzen Hund außergewöhnlich finde ist, dass er überhaupt nicht ergraut ist und bis zu seinem Tod ein komplett tiefschwarzes Gesicht behielt.
Augen:
Wie Feuer, dunkle bernsteinfarbene Augen.
Gesundheit:
Allgemein empfindlicher Magen-Darm Trakt.
Er überlebte eine Magendrehung in seinem ersten Jahr in Deutschland.
Ab dem 5. Lebensjahr fing er an, sehr stark auf die Düfte läufiger Hündinnen zu reagieren was sich von Monat zu Monat, Jahr zu Jahr zu verschlimmern schien. Im 3. Jahr dieser Entwicklung wurden schließlich 3 größere Zysten in seiner Prostata festgestellt. Zusätzlich zu dem Dauerstress unter dem er zu stehen schien (nichts fressen, tagelang winselnd vor der Türe stehen etc.) bekam er blutigen Ausfluss.
Da die Symptome nach einer „chemischen“ Kastration teilweise verschwanden (die Prostata Zysten und der Ausfluss) wurde er mit 8 Jahren kastriert, was sich sehr positiv auf sein Allgemeinbefinden ausgewirkt hat.
Ab seinem 8.-9. Lebensjahr litt er unter Spondylose. Aufgrund seiner Beschwerden wurde er zu dem Zeitpunkt erstmals geröntgt, keine feststellbare HD, rechte Hüfte leichte Arthrose, die auf ein verändertes Gangbild zurückgeführt wurde, verursacht durch eine alte Verletzung an seiner Hinterpfote.
Er verstarb am 14.09.2005 an einer Milzruptur verursacht durch ein Hämangiosarkom. Die Krankheit machte sich 6 Monate vor seinem Tod durch einen Perikarderguss bemerkbar, der durch eine Herzbeutelpunktion behoben werden konnte.
Innere Werte:
Temperament:
Die ersten Monate in Deutschland, in denen er von seinem Umzug und den großen Veränderungen in seinem Leben sehr gestresst war, wirkte er nervös und rastlos, reagierte extrem auch auf „positive“ Reize wie Ball- und Stöckchenspiele, drehte schnell auf, konnte sich schlecht beruhigen.
Später zeigte sich Llop als ein in sich ruhender, ausgeglichener Hund, den fast nichts aus dem Konzept brachte. Kurzfristig konnte er bei Ereignissen, Orten, Personen oder Hunden die ihm gefielen oder ihm Spaß machten, unheimlich aufdrehen und den absoluten Kasper rauskehren.
Seine stark ausgeprägte Territorialität hat er, insbesondere Artgenossen gegenüber, mit großer Leidenschaft und temperamentvoll gelebt.
Er kippte nicht gleich aus den Socken, wenn er tageweise mal nicht das volle Programm bekam und konnte bis ins hohe Alter ganztägige Berg- und Wald-Wanderungen mitmachen, ohne irgendwelche Ermüdungserscheinungen zu zeigen.
Verhalten zu Familienmitgliedern ( = Ich, mein Mann und später meine Tochter, die bis zu ihrem 6. Lebensjahr mit ihm aufwuchs):
Ich würde ihn eher als einen Ein-Mann-Hund bezeichnen.
Außer zu mir als seine primäre Bezugsperson, entwickelte er keine besonders intensive Bindung zu anderen Personen in der Familie (was aber auch daran gelegen haben kann dass ich als einzige mit ihm „gearbeitet“ habe).
Er bestand grundsätzlich, auch bei „seiner“ Familie auf eine relativ große Individualdistanz, auf seinem Liegeplatz hat er die Nähe zu uns eher widerwillig geduldet, war auch kaum verschmust oder kuschelbedürftig.
Verhalten zu Menschen außerhalb der Familie:
Zu Freunden der Familie:
Freundlich und offen. Er hat in unserem Bekanntenkreis einzelne Menschen besonders gerne gehabt, die wurden extrem stürmisch und überschwänglich begrüßt.
Zu Fremden:
Indifferent, nie ängstlich. Fremde Leute die sich ihm ungebeten genähert haben / ihn streicheln wollten, wurden u. U. angeknurrt.
Zu Kindern:
Indifferent bis freundlich, bei Annäherungsversuchen deutlich toleranter als bei Erwachsenen. Trotzdem, auch hier stand er hartnäckigen Kuschelambitionen sehr skeptisch gegenüber.
Verhalten zu Artgenossen:
Stark ausgeprägtes Interesse an ALLEN Hunden. Ich hatte den Eindruck dass Llop Hunde generell mochte.
Differenzieren muss ich zwischen:
a) seinem Verhalten innerhalb seines Reviers- wozu nicht nur Haus und Garten, sondern auch mehrere umliegende Straßen in der Umgebung gehörten-, und
b) seinem Verhalten außerhalb seines Reviers.
Zu a) Auch wenn er sonst kein Hitzkopf war, reagierte er besonders explosiv wenn er auf fremde Hunde in seinem Revier traf, Hündinnen wie Rüden wurden ausnahmslos und blitzschnell angegangen, wenn er die Gelegenheit bekam, allerdings begnügte er sich die „Eindringlinge“ zunächst mit einem wuchtigen Brustrempler umzuwerfen.
Zu b) Bei Erstbegegnungen zeigte er allen Hunden gegenüber (Geschlechter-unabhängig) ein ausgeprägtes Imponiergehabe.
Bei Hündinnen entspannte er sich sofort, hielt Abstand wenn gewünscht, und beschwichtigte viel, war wegen seiner „Höflichkeit“ bei ihnen sehr beliebt.
Bei kastrierten Rüden verliefen Begegnungen ähnlich wie bei Hündinnen, mit kleinen, bis- kniehohen Rüden hatte er keine Probleme, bei intakten und großen Rüden verliefen die Erstbegegnungen mal so, mal so.
Große, souveräne Rüden die sich nicht beeindrucken ließen, nicht auf ihn eingingen also auch mit ihm nicht „diskutierten“ waren kein Problem.
Auseinandersetzungen waren dann vorprogrammiert wenn Llop`s Machoallüren ähnliches Geprotze bei seinem Gegenüber auslöste, die Situation schaukelte sich schnell hoch und endete meist mit einem Knall (reine „Kommentkämpfe“).
Generell kam er mit allen Rüden mit kupierter Rute bestens aus, Huskies hingegen hat er ausnahmslos gehasst.
Sehr ungehalten reagierte er darauf, wenn er „aus dem Nichts“, ohne vorherigen Kontakt körperlich angegriffen wurde, wie z.B. wenn zwei oder mehr Hunde sich gemeinsam auf ihn stürzten. Dann geriet er tatsächlich in Rage, und diese Abwehrreaktion konnte u.U. für andere Hunde gefährlich werden. Er kam in solchen Situationen schwer wieder „runter“ und musste aus der Situation herausgeholt werden.
Welpen gegenüber war er freundlich, mochte es aber gar nicht, wenn besonders distanzlose Kerlchen wiederholt an ihm hochsprangen etc. was er zum Entsetzen vieler Welpenbesitzer mit Knurren quittierte.
Richtig tiefe Freundschaften unterhielt er nur zu Rüden, seine zwei besten Kumpels waren beides Herdenschutzhunde.
Verhalten zu anderen Tieren:
Zu allen Tieren gegenüber sehr neugierig und sehr freundlich. Katzen mochte er besonders gerne, einen unserer Kater hatte er so sehr ins Herz geschlossen, dass der als einziges Wesen mit Llop in engem Körperkontakt liegen/schlafen durfte.
Ängste:
Hatte er keine.
Erziehung und Beschäftigung:
Der Anfang mit ihm war schwer, bevor wir zu gemeinsamen (sportlichen) Aktivitäten übergehen konnten, galt es zunächst sein Vertrauen und seine Aufmerksamkeit für mich zu gewinnen, was sich als sehr schwierig herausstellte. Er war es bis dahin gewohnt, sein Leben auf seinem Grundstück frei und selbständig zu verwalten, alles tun und lassen zu können, was und wann er wollte. Für mallorquinische Verhältnisse hatte er es extrem gut gehabt und war in gewisser weise recht verwöhnt.
Gängige Motivationshilfen wie Leckerchen und Spielsachen zeigten bei ihm nur begrenzte Wirkung, gleichzeitig ließ er sich durch nichts und niemanden beeindrucken. Nachdem ein großes Umdenken in meiner Vorstellung wie ein Hund zu „funktionieren hat“ stattgefunden hatte und ich alle direkten Machtkämpfe zwischen uns über Bord warf, bekam ich Zugang zu Llop`s Herzen, auch wenn es fürchterlich kitschig klingt, genau dort lag der Schlüssel zum Erfolg.
Nachdem wir uns angenähert hatten, beschäftigten wir uns eine Weile mit Unterordnung was ihm viel Spaß gemacht hat, danach verlagerte ich meine „outdoor“ Aktivitäten mit Llop in die schöne Freiburger Umgebung, wir wanderten ca. 3.5 h am Tag, diese Spaziergänge wurden oft, aber nicht immer mit Übungen und Suchspielchen gespickt. Später besuchte ich mit ihm diverse Hunde-Seminare und Workshops.
Noch ein paar Worte zum Schluss:
Obwohl viele positive Eigenschaften von Llop ein deutsches Stadthundeleben mit ihm möglich und sogar angenehm machten, erforderte ein „zwischenfallloses“ Miteinander von uns Haltern gutes „Management“ und ständig vorausschauendes Denken und Handeln.
Trotz guter Bindung zu mir und seiner Bereitschaft in den allermeisten Fällen auf mich zu hören, musste ich lernen, dass es Situationen gab in denen er die Entscheidungen selber traf, besonders wenn es um seine Territorialität ging. Also galt es ihm einerseits die Möglichkeit zu geben, diese Funktion (oder andere Aufgaben) auszuführen, andererseits den Rahmen so zu stecken dass keine anderen Tiere oder Menschen zu schaden kommen konnten. Das war nicht immer einfach.
Menschen die sich einen Hund wünschen mit dem sie ganz entspannt durch die Gegend stiefeln können, weil der sich mit allem und jedem verträgt, die möchten, dass der Hund immer und jederzeit aufs Wort folgt und eigene Bedürfnisse bedingungslos hinten anstellt, die einen Hund brauchen, der Besuch als Segen empfindet und Zuwendung von allen Menschen dieser Welt mit Begeisterung aufnimmt…sollten m.E. von einem typischen Ca de Bestiar Abstand nehmen.
Autorin und Fotografin: Beril K.




