Geschichte

Entstehung/Wurzeln


 
Die Entstehungsgeschichte des Ca de Bestiar ist nahezu unbekannt.

Die ältesten Fundstücke die die Existenz von Hütehunden auf Mallorca beweisen, stammen aus dem 3.Jahrhundert vor Christus.

Da Mallorca im Laufe der Jahrhunderte von verschiedenen Völkern besetzt und besiedelt wurde, nimmt man an, dass viele verschiedene Hundetypen zu den Urvätern des Ca de Bestiar zählen.

Im Jahr 1229 eroberte Jaime I. die Insel. Zusätzlich zu seinen Soldaten begleiteten ihn auch verschiedene Arbeits-Hunde vom Festland. Es wird angenommen, dass auch diese Tiere sich mit den Einheimischen gekreuzt haben.

In Dokumenten aus dem 16.Jahrhundert ist von „Hilfs-Hunden“ zu lesen, die sowohl der reichen Bevölkerungsschicht beim Bewachen ihrer Grundstücke, als auch den Ganoven bei ihren Diebestouren geholfen haben sollen. Es soll ein Gemälde aus dieser Zeit existieren, welches einen Mann mit einem „Hilfs-Hund“ darstellt, der dem Ca de Bestiar sehr nahe kommt.

 
 
1800 - 1960

 
Es wird vermutet, dass der Perro de Pastor Mallorquin wie wir ihn heute kennen, seit dem 19.Jahrhundert existiert, da es aus dieser Zeit vereinzelte Aufzeichnungen gibt.

Die Mallorquiner waren lange Zeit Selbstversorger. Einzige Einnahmequellen waren die Fischerei und vereinzelt der Salzabbau. Alle Bedarfsgüter des Lebens mussten selbst produziert werden.
Pferde und Hunde waren in der vorindustriellen Zeit die wichtigsten Helfer der Menschen.
Dabei war es wichtig, dass ein Hund alle ihm zugeteilten Aufgaben ausführen konnte. Eine Spezialisierung und die damit erforderliche Haltung mehrerer Hunde für verschiedene Aufgaben wäre zu zeit- und kostenintensiv gewesen.

Der Ca de Bestiar war (und ist bis heute) ein Allrounder. Seine Aufgaben bestanden im Bewachen und Beschützen von Haus, Hof und deren zwei- und vierbeinigen Bewohnern. Ebenso half er seinen Besitzern bei der Arbeit mit dem Vieh – hauptsächlich Schafe, aber auch alle anderen Nutztiere. Seine Aufgaben hierbei bestanden im Treiben, Zusammenhalten, Bewachen, Beschützen und Verteidigen der Herde.

 
 
1960er - 1980er

 
Mit der Entdeckung Mallorcas als attraktives Massentourismus-Ziel veränderte sich die Lebensweise der einheimischen Bevölkerung. Die Tourismusbranche bot höhere Einnahmequellen als die Landwirtschaft. Die zahlreichen ausländischen Besucher brachten bis dato unbekannte Sitten und Bräuche auf die Insel.

Von dieser Entwicklung blieb auch die Rasse des Perro de Pastor Mallorquin nicht verschont. Mit der Reduzierung der Viehhaltung und der Zunahme der Stadtbevölkerung wurden seine Aufgaben als Hüter und Wächter von Haus, Hof und Tieren nicht mehr so häufig gebraucht.

Eine Gruppe engagierter Liebhaber machte sich deshalb in den 1970er Jahren daran, die vom aussterben bedrohte Hunderasse zu retten. Es folgte die Rasse-Anerkennung - zunächst durch die Balearen-Regierung, dann durch den Spanischen-Oberverband und später weltweit: Im Jahre 1982 wurde der Standard des Perro de Pastor Mallorquin in die FCI aufgenommen.

 
 
1980er - Heute

 
ca de bestiar, perro de pastor mallorquin Cans de Bestiar 1980

 
Noch immer ist der Perro de Pastor Mallorquin hilfreicher Hüter und Wächter der ländlichen Fincas. Auch wenn ausländische Rassen, wie beispielsweise der Deutsche Schäferhund, mittlerweile häufig anzutreffen sind, behält der Pastor Mallorquin in seiner Heimat nach wie vor die Oberhand. Eine Statistik aus dem Jahr 2008 besagt, dass der Ca de Bestiar in 24 von den 53 Gemeinden Mallorcas allen anderen Hunderassen zahlenmäßig überlegen ist.
(Quelle: Diario de Mallorca, 29.12.2008)

Dabei zieht ein Großteil der Mallorquiner den ursprünglich anmutenden Hofhund dem nach FCI-Rassestandard Gezüchteten vor. Wesen und Arbeitstauglichkeit haben wesentlich mehr Gewicht als Optik und Formschönheit.

 
Ca de Bestiar, Perro de Pastor Mallorquin

 
So ist es nicht verwunderlich, dass das ungeübte Auge die Rassezugehörigkeit vieler Hunde nicht auf den ersten Blick erkennt. Offizielle Fehlfarben, wie braun-gestromt, schwarz mit großen weißen Abzeichen oder schwarz mit rotbraunen Abzeichen, sind dem Mallorquiner genauso vertraut wie die rein schwarze Fellfarbe.

 
Cans Virat, FehlfarbeCa Virat, Fehlfarbe

Ca de Bestiar, FehlfarbeCa de Bestiar, Fehlfarbe

 
Ebenso variieren Größe, Gewicht und die Haltung von Ohren und Rute stark. Wobei es eindeutige Erkennungsmerkmale gibt, die ihn von z.B. einem Labradormischling unterscheiden. Mehr dazu in „Eigene Rassebeschreibung“.

Als reiner Schäferhund hat der Perro de Pastor Mallorquin fast an Bedeutung verloren. Viele Berufs-Schäfer gibt es nicht mehr und bei den wenigen verbliebenen hat sich der ausdauernde und wendige Border Collie auch auf Mallorca durchgesetzt.
Wer es sich unter den traditionsbewussten Mallorquinern leisten kann, hält sich eine Schafsherde als Hobby und trainiert seine Pastores Mallorquines an ihnen.

 
Ca de Bestiar, Perro de Pastor MallorquinCa de Bestiar, Perro de Pastor Mallorquin

Ca de Bestiar, Perro de Pastor MallorquinCa de Bestiar, Perro de Pastor Mallorquin

 
Ein recht geringer Anteil der Mallorquiner ist daran interessiert, den Ca de Bestiar als FCI-Standard-Rasse weiterzuentwickeln. Nach meinen Informationen gibt es lediglich zwei Züchter, die seit den 1980er-Jahren bis heute mit Stammbaum züchten. Die Zahl, der auf Schönheits-Ausstellungen vorgeführten Hunde ist verschwindend gering. Auf dem spanischen Festland finden sich gelegentlich ein oder zwei Exemplare und selbst auf Mallorca sind es lediglich etwa fünf bis zehn Hunde, die dem Ring-Richter zur Beurteilung vorgestellt werden.

 
Ca de Bestiar, Perro de Pastor Mallorquin

 
Auf der seit 1984 einmal im Jahr auf Mallorca stattfindenden „Monográfica“ (Hauptzuchtausstellung) steigt die Zahl der Teilnehmer in den vergangenen Jahren leicht. Dennoch sind hier im Durchschnitt nicht mehr als 40 Hunde im Ring…

 
Ca de Bestiar, Perro de Pastor MallorquinCa de Bestiar, Perro de Pastor Mallorquin

 
Die Mallorquiner sind ein sehr traditionsbewusstes Volk. Der Ca de Bestiar als Bewacher am Eingang zur Finca mag dem nordeuropäischen Besucher einen „Schauer über den Rücken laufen lassen“. An einer rostigen Kette angebunden, mit einem kleinen Steinhaus als Rückzugsmöglichkeit fristet er sein Leben.
Aber wir sollten nicht vergessen: Wir stehen hier einer anderen Kultur gegenüber: In Spanien gelten große Hunde auch heute größtenteils noch als Nutztiere. Das heißt nicht zwangsläufig, dass es ihnen schlecht geht: Sie leben, um zu Arbeiten.

 
Ca de Bestiar, Perro de Pastor MallorquinCa de Bestiar, Perro de Pastor Mallorquin

Ca de Bestiar, Perro de Pastor MallorquinCa de Bestiar, Perro de Pastor Mallorquin

 
Ich möchte an dieser Stelle einen kleinen Exkurs unternehmen:
Die oben beschriebene Art der Hundehaltung ist die Älteste überhaupt. Der Hund wurde vom Menschen als sein Helfer geschaffen. In vielen Kulturen und auf allen Kontinenten finden sich auch heute noch Beispiele für die Haltung von Hunden als Nutztiere: Zum Beispiel die Jagd- und Schlittenhunde der Inuit in Kanada, Grönland und Alaska, die zentral- und mittelasiatischen Owtscharka, die die Herden Beschützen und Bewachen, ebenso wie die Kangals der Zentraltürkei, die ebenfalls auch heute noch als Wächter und Schützer von Herden und Dörfern eingesetzt werden.

Aber nicht alles ist so dramatisch, wie es dem flüchtigen Betrachter erscheinen mag! Auch Traditionen entwickeln sich weiter, Menschen verändern sich!
Ich habe viele, scheinbar traurige Kettenhunde kennen lernen dürfen, die nur für gewisse Stunden ihre Arbeit leisten und den Rest des Tages (und/oder der Nacht) mit Familienanschluss auf der Finca umhertollen!

Viele Cans de Bestiar werden mittlerweile auch gar nicht mehr an der Kette gehalten, sondern genießen 24-Stunden Freilauf auf dem Grundstück worunter, meiner Meinung nach, ihre Wach- und Schutzqualitäten nicht im Geringsten leiden.

 
Ca de Bestiar, Perro de Pastor MallorquinCa de Bestiar, Perro de Pastor Mallorquin

Ca de Bestiar, Perro de Pastor MallorquinCa de Bestiar, Perro de Pastor Mallorquin

 
Auch Zwingerhaltung ist heutzutage nicht unüblich. Wobei alle Zwinger, die ich gesehen habe, größer als die deutsche Mindestvorschrift (10 qm für Hunde über 65 cm Widerristhöhe) waren. Alle bestens ausgestattet mit Unterschlupfmöglichkeiten und Freilaufareal. Alle Zwingerhaltungs-Cans de Bestiar, die ich besucht habe, bekommen zusätzlich täglichen Freilauf und/oder Arbeit auf dem Grundstück.

 
Ca de Bestiar, Perro de Pastor MallorquinCa de Bestiar, Perro de Pastor Mallorquin

Ca de Bestiar, Perro de Pastor MallorquinCa de Bestiar, Perro de Pastor Mallorquin

 
So mag es nicht verwundern, dass im 21.Jahrhundert auch der nächste Schritt getan wurde und der Ca de Bestiar auf Mallorca auch gelegentlich als reiner Familienhund gehalten wird. Aber nur sehr vereinzelt und das hat seinen Grund: Sein starker Schutz- und Territorialtrieb, seine Tendenz zur Dominanz sowie seine imposante Größe machen ihn nicht gerade zu einem perfekten Begleithund.